Tindra Iskaldur

Mehr als einundvierzig Winter sind nun seit dem Tage meiner Geburt, an dem die Ahnen meiner Mutter den für mich erwählten Namen zuflüsterten, vergangen. Tindra sollte ich für die Dauer meines Lebens und darüber hinaus geheißen werden. Meine Heimat liegt im Norden Arasteas, am großen Fjord des Schneegrenztals. Dieses Land ist karg. Stürme, Schnee und Regen scheinen dort das ganze Jahr über zu wüten, als hätten sie das Land zu ihrer Wohnstätte auserkoren. Ich stamme aus der Sippe der Hagdals vom Clan der Eisfalken, doch bin ich durch die Heirat mit Goderik ebenso mit der Sippe der Iskaldur verbunden.

Meine Mutter war, wie schon ihre Mutter und die Mütter davor, Ahnenfrau und vernahm den Ruf unserer Ahnen, welcher dem Clan der Eisfalken den Weg weisen sollte. Die Ahnen sprachen schon in frühster Kindheit zu mir und gaben mir den Weg, den ich zu gehen hatte, vor. Meine Mutter verriet mir die Geheimnisse unserer Ahnen und unterwies mich in alte Rituale um ihren Ruf zu deuten. Als Ahnenfrauen schenkte man uns stets große Achtung, doch den meisten Sippen waren unsere Fähigkeiten befremdlich und ihr Geist lag, für die Stimme der Ahnen unempfänglich, in Nebel gehüllt. Der Schleier des Todes trennt uns von den längst verschiedenen Ahnen, doch ist es einigen wenigen von uns bestimmt ihren Willen zu erhören. Dem Rat der Ahnen zu folgen wurde als eine ebensolche Pflicht angesehen wie Frega und Rugin zu dienen, so würden die Sippenführer es niemals wagen, sich über das Wort der Ahnenfrauen zu erheben. Diejenigen, welche es in vergangenen Zeiten getan hatten, brauchten meist nicht lange darauf zu warten selbst hinter den Schleier zu treten und ihren Platz unter den Ahnen zu suchen.

Meine zwei älteren Brüder Arson und Thorik gingen dem Handwerk meines Vaters nach und versuchten sich auf den Fischfang. In Zeiten von Überfällen durch fremde Stämme mussten sie, wie alle Männer unseres Clans, ihre Sippe im Kampf schützen und das Wenige an Land, welches wir unser nannten, verteidigen.

Als ich noch keine zwanzig Winter zählte, lernte ich den jungen und aufbrausenden Goderik, aus der Sippe der Iskaldur, kennen. Anders als die meisten, mied er die Gegenwart einer Ahnenfrau nicht, denn die Ahnen faszinierten ihn und ihren Ruf hätte er gerne vernommen, es war ihm jedoch nicht beschieden. Wir beschlossen kurzerhand einander zu ehelichen, doch sprach mein Vater sich gegen eine Verbindung mit Goderik aus. Fortan versuchten sowohl Goderik als auch ich meinen Vater von unserem Wunsch zu überzeugen, aber Zorn und Trotz waren seine einzige Erwiderung. Goderik nahm mich sodann ohne meines Vaters Einwilligung zum Weib und verdingte sich als Fischer und Nebelrobbenfänger. Als aber auch dies unser Auskommen nicht besserte und ein blutiger Sippenstreit zu entfachen drohte, beschlossen wir unser Glück an anderer Stelle zu suchen. Nach zwanzig Wintern in fremden Landen, welche mir meine Geburtsstätte nie ersetzen konnten, kehrten wir zu Sippe und Clan zurück. Inzwischen hatten wir eine Tochter, welche zehn Winter zählte und auf den Namen Tinu Asula hörte. Mein Vater war vor ein paar Wintern hinter den Schleier zu den Ahnen getreten, doch der Zorn meiner Brüder war nie erloschen. Goderik ging ihnen aus dem Weg und einen Winter lang konnten wir bei seiner Sippe leben. Goderik half seinem Bruder Barik und seinem Neffen Alrik in der Schmiede und fertigte Waffen und Schilde.

Der Winter unserer Wiederkehr war grausam. Das Vieh vermehrte sich kaum noch und die Kämpfe gegen verfeindete Clans mehrten sich. Frega, die Göttin der Fruchtbarkeit, hatte sich von uns abgewandt und Rugin  forderte die Arme der Krieger.
Die Ahnenfrauen des Clans, ob jung oder alt, trafen zusammen und riefen in der Nacht zur Jahreswende die Ahnen an. In jener Nacht sprachen sie zu uns und taten dies deutlicher denn je zuvor. Wir sollten neues Vieh finden, auf das sich frisches Blut unter das bestehende mischen konnte. Sie wiesen uns an gen Süden zu ziehen, denn dort sollte unergründetes Land liegen, welches noch keinen Herren kannte und vielleicht herrenloses Vieh beherbergte. Der Rat des Clans befolgte den Ruf der Ahnen und sandte Freiwillige aus, welche sich dieser Aufgabe annehmen sollten. Nicht alle Sippen konnten Suchende ausschicken, da genügend starke Arme zur Arbeit und Verteidigung gebraucht wurden.

Goderiks Sippe beriet, dass er sich aufmachen solle, da er schon weit gereist war und der Streit mit Arson und Thorik von neuem zu entfachen drohte. Gemeinsam mit Salka, einer jungen Ahnenfrau, aus der Sippe der Falkyar und Alrik, meinem Neffen, begaben wir uns auf die Reise in das südliche Schneegrenztal. Kurz nach unserem Aufbruch trafen wir auf einen Mann, der sich NerakJolfson nannte und aus einem Nachbarsclan stammte. Er war ebenfalls auf den Weg in das unbekannte Land. Gemeinsam  rasteten wir, nach mühsamen Wochen beschwerlicher Reise, in einer kleinen Schenke am Waldrand von Rodenzia. Ein Bad half uns, den Dreck der letzten Wochen von uns zu waschen. Ein letzter Abend in warmer Stube, bei Bier und warmen Essen, war uns sicher, bevor wir in den frühen Morgenstunden weiterzogen.