Alrik Iskaldur

Ich bin Alrik aus der Sippe der Iskaldur vom Clan der Eisfalken. Mein Leben fand vor etwa siebenundzwanzig Wintern seinen Anfang. Im stürmischen Herbst  jenes Jahres gebar meine Mutter Velia meinem Vater Barik seinen ersten von zwei Söhnen und sie hießen ihn Alrik.

 Dort, wo das Land karg ist und die Winde eisig wehen, liegt meine Heimat, hoch oben im Norden Arasteas. Das Schneegrenztal wird nord- und westseits durch das große Nordmeer umgeben, in welchem die Inseln der Nebelsee beheimatet sind. Im Süden und Osten reicht es bis an die Ebene von Roga. Dieses hochgelegene Land wird von einem großen Fjord durchschnitten und bleibt auch in der sommerlichen Jahreszeit von winterlichen Witterungen nicht verschont. Stürme, Regen, Schnee und Hagel erschweren das Auskommen der Menschen des Schneegrenztals und Ackerbau ist nur in den Tälern nahe dem großen Fjord möglich. Viele kleinere Sippen und Clans, Dörfer und Stämme besiedeln den Streifen entlang des Fjords und sichern sich ihren Anteil am bebaubaren Land und den Fischvorkommen.

Auch mein Clan lebt an den Ufern des großen Fjords und nahm sich vor Hunderten von Jahren ein Landstück zur Heimat, welches nahe der Mündung zum Nordmeer gelegen ist. Feindliche Clans und barbarische Völker, die einem das wenige an Land, Vieh und Habseligkeiten streitig machen, müssen nicht selten von heimischer Axt und blankem Stahl geschlagen werden.

Den Männern obliegt es ihre Sippe und die Clangemeinschaft zu schützen, wenngleich auch die Frauen sich zu verteidigen wissen und so lernen bereits junge Clanmitglieder den Kampf
mit Schwert, Schild, Axt und weiterem Waffenwerk zu begehen.

 Meine Kindheit dauerte nur etwa zehn Winter an, denn von dort an musste ich, dem alten Brauch folgend, zum Unterhalt der Sippe beitragen und das Handwerk meines Vaters erlernen. Während mein Vater mich, ebenso wie  meinen Bruder, die Grundfähigkeiten des Schmiedens lehrte, fertigte meine Mutter zusammen mit den anderen Frauen der Sippe Kleidung und Decken, welche gegen andere nützliche Dinge eingetauscht werden konnten. Scharfe Klingen, standhafte Schilde und grobes Rüstzeug, all jenes wurde benötigt, um sich der zunehmenden Übergriffe auf die Sippen unseres Clans zu erwehren und so gab es stets genug Handwerk für uns zu verrichten.

Viel Nahrung gab es nicht zu jeder Zeit, da so mancher Winter totes Vieh und karge Ernten bescherte. Dennoch lebte meine Sippe, wenn auch bescheiden, in der Gemeinschaft des Clans und die verschiedenen Sippen halfen einander wann immer es notwendig wurde.

Trotz der harten Arbeit und der wenigen Winter, die mein Leben zählte, schulten die älteren Sippenangehörigen uns jüngere um für den Kampf bereit zu stehen. Zu wenige Clanmitglieder gab es, als das man auf die Jungen verzichten konnte. Schild, Axt und Schwert sind keinem Spross der Eisfalken fremd und so fügte ich mich dieser Erforderlichkeit, wie schon unsere Ahnen es taten.

Schrift- und lesekundig, in der allgemeinen Sprache Arasteas, waren die wenigsten und lediglich die Runen des Clans vermochte jeder zu lesen und schreiben, dies galt auch für mich. Meine Mutter lehrte mich darin an langen Abenden vor dem Herdfeuer unserer Hütte. Anders verhielt es sich mit der Deutung der alten Runen, denn die Befragung des Schicksals oblag allein den Runenwerfern unseres Dorfes. Sie waren angesehen und ihr Wort fand stets Gehör bei den Sippenführern.

Ihren Rat zu missachten galt als töricht, hatten doch schon manche der Sippenführer dafür teuer bezahlen müssen.  Gleiches galt für die Ahnenfrauen, welche den Ruf unser der Ahnen vernehmen und uns so den Weg weisen. Auch meines Onkels Weib war eine solche. Tindra  stammte aus einer anderen Sippe des Clans und mein Onkel Goderik nahm sie bereits in jungen Jahren zum Weib, was ihm die Feindschaft ihrer zwei Brüder und des Vaters einbrachte, da es ohne dessen Einwilligung geschah. Daraufhin verließ mein Onkel die Clangemeinschaft und lebte in verschiedenen Landen um sein Überleben zu sichern. Der Zwist zwischen unseren Sippen dauerte jedoch die vollen zwanzig Winter, in denen Goderik fort war, an. Nach seiner Wiederkehr mit Weib und Tochter zählte ich bereits fünfundzwanzig Winter und verstand es, brauchbare Waffen zu fertigen und diese auch anzuwenden. Einen Winter lang war unsere Sippe wieder vollzählig und man berichtete sich von den vergangenen Zeiten.

Der letzte Winter war der grausamste seit langen Zeiten, denn viele Mägen mussten gefüllt, doch nur sehr wenig Land konnte bestellt werden. Das Vieh unseres Clan vermehrte sich kaum noch und die Überfälle verfeindeter Clans nahmen zu. Rugin prüfte unseren Kampfeswillen und auch Frega schien unzufrieden mit uns.

Der Clan hielt Rat und die Ahnenfrauen befragten unsere Vorfahren was zu tun sei. Der Ruf der Ahnen wurde vernommen und man gebot uns, nach neuem Vieh zu suchen, welches sich unter das verbliebene mischen sollte. Nicht jede Sippe konnte Suchende ausschicken, da ihre Arme in der Heimat fehlen würden und so meldeten sich Freiwillige. Meine Sippe hielt lange Rat und man befand, dass Goderik gehen müsse, da er das Umland besser kannte als jeder andere unserer Sippe und zudem der Zwist mit Tindras Brüdern bei seinem Verweilen neu entfachen könnte. Ich entschloss mich, mit ihm zu gehen und so vielleicht mit Schmiedewerk und Waffenkampf Ruhm und Kostbares in meine Heimat zu tragen. Man schickte uns gemeinsam mit der jungen Ahnenfrau Salka, aus der Sippe der Falkyar, auf die Reise in das südliche Schneegrenztal, denn hier so sprachen die Runen zum Clan und unsere Ahnen zu Salka und Tindra, sollte noch unerkundetes Land liegen in dem sich unsere Suche als erfolgreich zeigen könnte. Die Ahnen wiesen uns eine Richtung und wir schlugen sie ein.

Nach wochenlanger Wanderschaft trafen wir auf NerakJolfson, der in einem befriedeten Nachbarsclan mit seiner Sippe lebte. Wie auch wir, zog er in Richtung Süden, und entschloss sich, mit uns zu ziehen. Weiter südlich wurden die Witterungen milder und nach langem Marsch ruhten wir eine Nacht in einer Bierstube am Waldrand von Rodenzia. Es war der erste ausgelassene Abend seit langen, denn die Nächte im Freien bescherten wenig annehmliches und ein Bad nach zahlreichen Umläufen wusch den Dreck der letzten Tage von den Knochen. Bier und Met flossen reichlich und der Abend vor dem Aufbruch zu unserer Expedition wollte uns die Laune nicht verübeln.